Mein grober Plan war mich bei einer der Hilfsorganisationen als Freiwillige nützlich machen. Das stellte sich als gar nicht so einfach heraus. Es bestand zwar großes Interesse, aber keiner wusste wie und wo genau ich mich registrieren muß. Es ist nicht leicht hier umsonst zu arbeiten. Ich hätte mich gerne im Woman Centre nützlich gemacht, nur war leider kein Verantwortlicher anzutreffen. Häusliche Gewalt ist in Vanuatu sehr verbreitet und auch außerhalb der eigenen vier Wände wird meist weggeschaut. Wenn eine Frau ihren gewalttätigen Mann verlässt und bei ihren Eltern Schutz sucht, wird sie höchstwahrscheinlich umgehend zum Ehemann zurückgeschickt. Im Woman Centre können die Betroffenen wenigstens kurzfristig unterkommen, aber wenn sie Kinder dabei haben, wird es schon schwieriger. Auch die Polizei ist keine Hilfe. Ich habe es selbst bei einer Auseinandersetzung unter Nachbarn erlebt und die Polizei als schlichtender Vermittler benötigt wurde. Entweder ist (angeblich) gerade kein Fahrzeug verfügbar oder der Sprit ist alle. Das französische Rote Kreuz zeigte sich von meiner Anfrage begeistert, als es um die offizielle Registrierung als Volunteer ging, ließen sie leider nichts mehr von sich hören. Das Büro von Save the children fand ich erst nach langer Suche. Es war klammheimlich umgezogen.
Letztenendes kam es dann doch ganz anders als geplant…
Schon am ersten Abend hatte ich im Hostel einen Mitarbeiter von Unicef kennengelernt. Er nahm mich mit ins Büro und ich lernte einige der Mitarbeiter kennen, darunter auch Julie aus England. Ich half ihr einen Tag lang Schulkisten (school-in-a-box) zu versenden. Das Material für den Unterricht für 40 Kinder findet in einer Box von 20 Kilogramm Platz.
Mit Julie verbrachte ich später einen Tag am Strand und in ihrem Bungalow außerhalb der Stadt in Pango. In einer abenteuerlichen Aktion gelang es ihr samstags nach 12 Uhr Alkohol zu kaufen. Ihr Friseur hatte ihr einen Tipp gegeben… Laut Gesetz kann man in Vanuatu von Samstagmittag bis Montagmorgen keinen Alkohol kaufen.
Als ich ein paar Tage später bei Unicef vorbeischaute, frustriert von der Bürokratie, lernte ich Rebecca kennen. Sie erzählte von ihren anstehenden Trips auf die Inseln und lud mich spontan ein sie zu begleiten und bei ihrer Familie zu wohnen. Ich war begeistert und organisierte meine Flüge. Ganz so leicht sollte es doch nicht werden, denn Rebeccas Reisepläne änderten sich mehrfach.
Zuerst flog ich in den Süden nach Tanna. Ich hatte nur eine grobe Ahnung wo ich hinwollte. Rebecca meinte ich könne bei Bev schlafen, sie sei im Ort bekannt. Der Busfahrer kannte sie leider nicht. Zum Glück stieg eine ältere Dame ein, die sich als Bevs Nachbarin herausstellte. Dummerweise waren alle Zimmer belegt. Ich wollte eigentlich eine Nacht lang in Lenakel, dem größten Ort auf Tanna, bleiben und anschließend in das Dorf von Rebeccas Familie fahren. Bev meinte, ich könne auch heute schon fahren und rief ihre Mutter an, die mich auch sehr gerne aufnehmen würde. Zuerst besorgte ich noch Wasser. Es gibt recht viele kleine Läden, aber oft sind die Regale fast leer. Unterwegs wurde ich freundlich gegrüßt. Die Frauen trugen stolz ihre Babies vor sich her. Ein kleiner
nackter Junge rief mir begeistert „Hello“ zu. Irgendwann am Nachmittag kam ein Fahrer, der mich auf die andere Seite der Insel bringen sollte. Er wusste doch nicht so genau zu wem er mich bringen sollte und so landete ich bei Jocelyn. Nach einiger Verwirrung lud sie mich ein bei ihr zu bleiben, stellte mich der Familie vor und ich wurde herzlich in der Gemeinschaft aufgenommen. Sie
bestanden darauf zu Ehren meines Besuchs ein Huhn zu schlachten, das wir mit Nudeln, Maniok, und Taro aßen. Gekocht und gegessen wird in einer Wellblechhütte. Wir saßen auf einem Podest auf Matten aus Palmenblättern. Unterdessen liefen auf dem Boden Hühner mit ihren Kücken herum und vor der Hütte balgten sich die Schweinchen mit den Hunden. Alle Bewohner waren sehr interessiert daran vom exotischen Deutschland zu hören.Sie hatten uns bei der Fußballweltmeisterschaft kräftig die Daumen gedrückt. Özil… steht bei den Damen hoch im Kurs. Trotzdem hatte niemand eine Vorstellung wie es bei uns so aussieht. „Es gibt keine Palmen?“ Meistens waren die ersten persönlichen Fragen als was mein Vater arbeitet und wieviele Brüder ich habe. Gespannt betrachteten sie meine Familienfotos und Berlin-Postkarten.
Die Verständigung war glücklicherweise einfach. Fast alle sprechen gut Englisch, die anderen Französisch. Es war ein langer Tag und es fiel mir zunehmend schwerer der Unterhaltung zu folgen. Ich legte mich auf eine der Matten und döste ein, während ich den Erzählungen im melodischen Bislama lauschte.
Ich war von mir selbst überrascht wie wenig mich Stadtkind das einfache Dorfleben störte. Es gab die Wahl zwischen Plumpsklo oder Loch im Boden im engen Wellblechverschlag. Die Dusche liegt in einer improvisierten Kabine aus Zeltplane und Wellblech. In der Dorfmitte steht ein zentraler Wasserhahn. Es gibt keinen Strom, nur ein paar Solarlampen und kleine solarbetriebene Generatoren um das Handy aufzuladen. Erstaunlicherweise gibt es im Dorf Handyempfang. Nach dem zweiten Tag gab es leider kein fließendes Wasser mehr.
Ich schlief bei der Oma in einer Wellblechhütte, auf einer Matte auf dem Boden. Ein wenig Privatsphäre boten aufgehängte Tücher, die auch als Wandverkleidung dienten. Morgens krähten die Hähne um die Wette. Das tiefe Grollen war kein morgendliches Gewitter, sondern der Mount Yasur, der sich immer wieder bemerkbar machte. In der Ferne sah man den rauchenden Krater und auch die Asche des Vulkans war allgegenwärtig. Eines Morgens war eine Maus zu Besuch, die sich an meinen Crackern und Müsli zu schaffen machte. Nachdem mich auch der Chief, das Oberhaupt des Dorfes offiziell
willkommengeheißen hatte, lernte ich bei Rose Pandanusmatten zu flechten. Das Muster war recht kompliziert, aber sie wies mich geduldig an. Während wir uns unterhielten, stellte sie eine kleinere Matte fertig, die sie mir als Andenken schenkte.
Bei einer anderen Gelegenheit lernte ich im benachbarten Dorf Matten aus frischen Palmenblättern zu weben. Soetwas hatte ich im Amazonas auch schon probiert. Die neuen Matten werden immer um Weihnachten hergestellt und ein
ganzes Jahr lang verwendet. Eine ältere Dame leitete mich an und gemeinsam stellten wir die Matte fertig. Dabei wurde ich sehr neugierig von den Kindern beobachtet. Allmählich wurden sie mutiger und trauten sich näher heran. Sie amüsierten sich darüber wie meine Haut die Farbe ändert, wenn man daraufdrückt. Sie fuhren mir fasziniert durch das Haar, das so ungewohnt glatt ist. Irgendwann begann jemand meine Haare zu flechten. Als ich mit der Dame plauderte, stellte sich heraus dass sie Rebeccas Oma ist.
Später lernte ich doch noch Bevs Mutter Nomalin kennen. Sie erzählte mir von ihrer ersten Reise nach Sydney. Wie sie die Rolltreppen beobachtete, ehe sie sich traute sie zu benutzen und ihrem anhaltenden Mißtrauen Fahrstühlen gegenüber.
Mit ein paar Mädchen lief ich Richtung Mount Yasur, dem Vulkan. Wir liefen über das große Aschefeld. Ringsum liegen ein paar kleine Palmeninseln. Die Mädchen fragten mich über Deutschland aus. Ich erzählte ihnen von unserem Winter und versuchte ihnen zu erklären was Schnee ist. In dieser Umgebung kam es allerdings auch mir wie ein seltsames Märchen vor. Wir rutschen einen Hügel aus Asche hinunter, das kommt Rodeln zumindest nahe. Später fuhren wir mit einem Jeep über eine kurvenreiche holprige Straße auf den Vulkan. An veschiedenen Stellen rauchte die Erde.
Aus der Ferne sah es nach Regen aus, das war jedoch die Aschewolke über dem Krater. Als wir endlich den Parkplatz erreichten, war ich überrascht, dass die Älteren gar nicht aussteigen wollten, sondern lieber im Auto warten wollten. Nur zwei mutige Mädels stiegen tapfer mit mir und Sam hoch zum Krater. Der Dunst war so dicht, vom Krater sah man nichts als eine weiße Wand. Es war kaum zu unterscheiden auf welcher Seite der Krater liegt und wo der Abhang. Es wehte ein feuchter kühler Wind. Das dumpfe Grollen wurde alle paar Minuten von einem mächtigen unheimlichen Donnern abgelöst. Nun verstand ich warum die Kinder nicht mitkommen wollten.
Am Samstagabend kamen einige Frauen zusammen und alle teilten ihr Essen miteinander. Es gab Maniok, Taro, Maiskolben und Fleisch. Unterdessen feierten die Kinder ihre eigene Party. Sie spielten unter dem Banyanbaum Musik und tanzten ausgelassen. Sie holten mich dazu, umkreisten mich und zeigten mir stolz ihre Moves, die beeindruckend waren, jedoch ganz und gar nicht altersgemäß. 
Mit Jocelyn und Sam fuhr ich auf die andere Seite der Insel zur Schule des kleinen Sams. Es fand die Schulabschlussfeier zu Beginn der Sommerferien statt. Mit den Müttern bereitete ich auf der Wiese die Sandwiches für das anschließende Picknick vor.
Die Familien machten es sich auf dem Rasen bequem und die Schüler saßen in einem improvisierten Zelt. Das Programm schien kein Ende nehmen zu wollen. Nach dem Lehrerchor gab es einige langatmige Reden, während die Familien in der Sonne saßen und die Schüler in dem dunklen Zelt schwitzten. Als endlich der Schülerchor an der Reihe war, hatte sich das Publikum schon sehr verstreut und in den Schatten geflüchtet. Obwohl die Sonne
unerbittlich brannte, sah ich kaum jemanden etwas trinken. Generell beträgt die tägliche Trinkmenge weniger als einen halben Liter. Als die Veranstaltung zu Ende war, schritten die Schüler wie benebelt aus dem Zelt. Zuletzt gab es ein großes Händeschütteln um die Lehrer für die Sommerferien und die Schulabgänger zu verabschieden. Die Schulgebühren sind sehr hoch in Vanuatu. Wenn die Kosten nicht mehr tragbar sind, bleibt der Nachwuchs eben zu Hause.
Die letzte Nacht auf Tanna verbrachte ich mit Rebecca und ihren Kollegen in einem kleinen Resort. Sie drehten eine kleine Dokumentation über den 9-jährigen John aus Tanna. Nach vier Tagen habe ich mich unwahrscheinlich über den Luxus eines Badezimmers und einer Dusche gefreut.
Als John gefragt wurde was er später werden will, sagte er, er wolle reich werden. Und was bedeutet das genau für ihn? -Wenn man Essen kauft und danach noch Geld übrig ist.
Das stimmt nachdenklich….